Dienstag, 26. Juni 2012

Alltag woanders (29): Istanbul mit kleinen Kindern - "Vergesst Taksim!"

Noch sind wir nicht an die Sommerferien unseres Bundeslandes gebunden und könnnen in der Vorsaison buchen. Da wir im Urlaub neben der Erholung immer auch den Trubel urbaner Metropolen lieben, erschien uns die Türkei mit der Kombination aus einer Woche Istanbul und einer Woche Strand als ein attraktives Ziel ohne um die halbe Welt fliegen zu müssen.

In Istanbul gibt es schöne Hotels für schön viel Geld, wenn man angemessenen Platz für eine ganze Familie haben möchte. Wie bereits in anderen Städten wie London, Berlin und Tokyo erfolgreich ausprobiert, wollten wir auch nun auch in Istanbul eine Ferienwohnunng mieten. Es gibt dafür eine Fülle von Websiten mit etlichen Angeboten. Die Kurzanmietung von Wohnraum scheint in der 16 Millionen Metropole also Gang und Gebe zu sein.

Nur Zögern sollte man nicht. Wir haben Freunde, Bekannte und Kollegen interviewt, die in Istanbul leben, arbeiten oder just dort waren oder gerade selber planen dort hin zu fahren. Immer wieder fällt das geradezu mantrische Stichwort "Taksim-Nähe" und man beginnt in konzentrischen Kreisen rund um das moderne Zentrum herum zu suchen. Es gibt einiges, aber es gibt auch einiges zu klären: Wie viele Zimmer braucht man? Istanbul ist die Stadt der Dachterassen, aber will man den Kinderwagen bis in den obersten Stock schleppen? Wirken die Treppen und Aufgänge zu den Terrassen und deren Geländer halbwegs kindersicher? Was will ich für eine Woche bezahlen?

AWO 29.1: Tepebasi würden Immobilienmakler wohl "aufstreebendes Viertel im Wandel" nennen - vieles ist kaputt, einiges schon aufwändig renoviert

Wir entschieden uns für eine Altbau-Wohnung in Tepebasi, das im weitesten noch Beyoglu zu zurechnen ist und fußläufig von der der Shopping-Meile Istiklal entfernt ist, gegenüber der bristischen Botschaft. Im Erdgeschoss muss der Kinderwagen nicht über endlose Treppen geschleppt werden, dafür hat in den engbebauten Gassen in den vergangenen 120 Jahren garantiert kein Sonnenstrahl die Wohnung berührt. Der "Garten" ist ehrlich gesagt nur eine bemooste Betonplatte, der Balkon vorhanden, aber alles andere einladend zu verweilen. Die Häuser im Viertel sind runtergekommen, wirken wie ausgebrannt, obwohl noch bewoht, es liegt Müll in den Gassen und ich habe sogar eine Schafherde gesehen, die nachmittags durch das Viertel getrieben wurde. Am "Taksim Square" waren wir nicht einmal.

Auch wenn der Platz "verkehrsgünstig" sein soll: Mit Kindern und Kinderwagen kann man in Istanbul öffentliche Verkehrsmittel nicht ernsthaft benutzen. Busfahren ist eine abenteuerliche Übung für Westeuropäer und die Straßenbahnen so gepresst von, dass man weder mit Kindern noch mit einem Kinderwagen reinkommt. Also fährt man mit dem Taxi - ohne Gurt und ohne Kindersitz. Während wir in den USA an jeder Station einen großen Sack mit den Kindersitzen mit uns rumgeschleppt haben, nahm man hier die Kinder einfach auf dem Schoß und hofft, dass nichts passiert.

Wenn man ohnehin Taxi fährt, kann man eigentlich auch eine Wohnung in den exklusiveren Viertel etwas außerhalb suchen - Richtung Ortaköy und nördlich. Dort wo die "Schöneren und Reicheren" wohnen gibt es Luft zum Atmen, Grünflächen und Spielplätze - was beim Familienaufenthalt nicht zu verachten ist.

Touristisch lässt sich mit kleinen Kindern eigentlich alles ganz gut erledigen in Istanbul. Die Hauptsehenswürdigkeit Aya Sophia und 'Blaue Moschee' lassen sich einfach bewältigen, insbesondere wenn man gleich früh morgens kommt und keine Warteschlagen hat. Wir mussten uns auch keine Geschichten ausdenken, wie es die Autorin in der Zeit angeregt hat. Ein echtes Muss ist die Zisterne Basilica gleich um die Ecke der Hauptsights. Dort unten ist es kühl und es hat eine fast magische Atmosphäre. Einen Fahrstuhl nach unten gibt es nicht, so dass der Kinderwagen oder das Kind runtergetragen werden müssen - aber unten kann man auf den Stegen sehr gut herumrollen. Der Galata-Turm hingegen hat sogar einnen Lift, was die Sache und den Ausblick um so angenehmer macht.

AWO 29.2: Geht auch prima mit Kindern - Der Gewürzbasar, aber auch der "Große Basar"

Der Besuch des Gewürz- und des Großen Basars mit kleinen Kindern war nicht halb so dramatisch, wie wir uns das vorgestellt hatten. Richtig enges Gedränge herrschte auf keinem der beiden. Dabei hatten wir uns extra bei der Ankunft in Istanbul ein längeres, preisgünstiges Tuch gekauft, dass wir an den Handgelenken des Vierjährigen und einem Elternteil verknotet haben, damit das Kind nicht verloren geht, wenn die Hände mal getrennt oder losgelassen werden. Das war eigentlich unnöitg, aber unser Sohn schätzte diese Art der Verbindung.

AWO 29.3: Auch das gehört zum Sightseeing in Istanbul Europas größte Shopping Mall "Forum Istanbul"

Zum Besuch von Istanbul gehört auch das moderne Istanbul. So haben wir auch fast einen Tag im Forum Istanbul verbracht - derzeit nach einiger Auskunft Europas größte Shopping Mall. Hier gibt es alles, was es auch in unseren Malls gibt, aber auch Ruhe und weniger Hektik als in der Innenstadt, alle bekannten Fastfood-Ketten und Indoor Unterhaltung für alle. Ein echtes Highlight dort ist das Aquarium: Man kennt ja schon diese Glastunnel, die durch ein großes Becken führen, aber meistens sind diese maximal 15 m lang. In Istanbul gibt es gleich 80 m Glastunnel, durch dem man staunend auf einer Art Kofferband gezogen wird. Natürlich kann man dort auch Rochen-Streicheln und spart sich so glatt einen Flug nach Las Vegas.

AWO 29.4: Aquarien-Impression aus Istanbul

Kommentare:

SandraG hat gesagt…

Rochen streicheln - das hört sich aber spannend an. Wie war das Tastgefühl?

Lustig finde ich auch, dass Euer großer Sohn gerne an der Tuchleine ging. Wie beim "betreut werden" mag er anscheinend auch hier, worüber andere Kinder lauthals schreien würden. ;-)

netzwege hat gesagt…

Man könne sagen "Kinder brauchen eben Halt" - und ein Stück weit wird es tatsächlich auch sein. Klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber da ist was dran.

Der Rochen hingegen fühlt sich auch lebendig nicht viel anders als ein toter Fisch an.